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Das lahme Pferd

Für jeden Reiter und Pferdebesitzer ist es ein Graus, wenn er mitbekommt, dass sein Pferd lahmt. Eine Lahmheit kann ein kurzzeitiges Ereignis von ein bis zwei Tagen sein. Sie kann aber auch zu einem langen Problem von einem Jahr werden oder ein Pferd sein Leben lang begleiten. Mit einer chronischen Lahmheit ist ein Pferd nicht nutzbar. Sie ist die häufigste Ursache für einen „Renteneintritt“ eines Sport- oder Freizeitpferdes.

Die Lahmheit eines Pferdes ist Ausdruck einer Schmerzäußerung, die aus dem Gliedmaßenstamm oder dem Trageapparat also der Wirbelsäule des Pferdes her rühren kann.

       

Die Stärke der Lahmheit sagt nichts über den Schweregrad der Erkrankung aus. Oft wird der Tierarzt zu einer hochgradigen Lahmheit mit dem Hinweis gerufen, das Pferd habe sich das Bein gebrochen. Häufig stellt sich ein harmloser Hufabszeß als Ursache dieser Lahmheit heraus. In vielen Fällen ist weder die betroffene Gliedmaße noch der Ort an der betreffenden Gliedmaße auszumachen. Die Schwierigkeit einer Lahmheituntersuchung besteht also darin, den Ort der Lokalisation der Schmerzen herauszufinden. Der orthopädisch tätige Pferdetierarzt bedient sich bei seiner Untersuchung verschiedener Hilfsmittel. Ein spezielles gleich bleibendes Untersuchungsschema  hilft ihm der Ursache auf die Schliche zu kommen.

Als Erstes lässt er sich vom Reiter, Fahrer oder Besitzer einen Vorbericht über die Erkrankung geben. Der Hinweis über die Nutzung des Pferdes in den vergangenen Tagen oder Stunden gibt ihm wertvolle Informationen über die Entstehung der Lahmheit. So lässt vermuten, dass ein Pferd nach einer Herbstjagd im tiefen Boden eine Entzündung der Beugesehnen hat, während ein Pony nach ausgiebigem Weidegang im Frühjahr auf einer saftigen Koppel wahrscheinlich an Hufrehe erkrankt ist.

Nach der Klärung näherer Umstände untersucht der Tierarzt das lahme Pferd. Er lässt es sich aus der Box führen und beobachtet dabei, wie das Pferd heraustritt. Danach schaut er sich seinen Patienten ganz an und sucht nach Abnormalitäten im Bereich der Gliedmaßen und des Körperstammes. Nach ausgiebiger Betrachtung werden die Gliedmaßen, Hals und Rücken betastet und nach Veränderungen abgesucht. Temperaturunterschiede spielen bei akuten Entzündungen eine wichtige Rolle. So achtet der Tierarzt besonders auf Erwärmungen in bestimmten Regionen. Er kann sich dabei auch eines Oberflächenthermometers bedienen. In schwierigen Fällen wird auch eine Thermographiekamera eingesetzt. Sie kann Temperaturunterschiede an der Oberfläche des Körpers besonders gut darstellen.

         

        Untersuchung des Pferderückens

Das Pferd wird nach ausgiebiger Betrachtung auf festem Boden im Schritt vorgeführt. Bei hochgradigen, sehr schmerzhaften Lahmheiten wird nun erst der Huf kontrolliert. Ein Abdrücken mit der Hufuntersuchungszange gibt wertvolle Hinweise über entzündliche Prozesse im Bereich der Sohlenlederhaut. Hier können Druckstellen oder eitrige Huflederhautentzündungen erkannt werden.

         

        Hufuntersuchung mit Untersuchungszange

Ergab die Untersuchung mit der Abdrückzange keine Hinweise auf eine Erkrankung im Hufbereich, wird das Pferd am langen Zügel im Trabe vorgestellt. Die Untersuchungsbahn sollte mindestens 30 Meter betragen. Nach der Begutachtung auf der geraden Bahn wird das Pferd auf engem Zirkel vorgetrabt. Das läst eine geringgradige Lahmheit oft verstärken und gibt wertvolle Hinweise auf  die Mitbeteiligung von Gelenkbändern und Gelenkkapseln. Der Begutachtung auf hartem Boden folgt eine Beurteilung der Lahmheit auf weichem Untergrund.

     

Um eine geringgradige Lahmheit deutlicher darzustellen, werden so genannte Provokations- oder Beugproben durchgeführt. Hierbei wird die betroffene Gliedmaße aufgehoben und die Gelenke einzeln gebeugt. Die Beugung wird mit mäßigem Druck ein bis zwei Minuten aufrechterhalten. Danach wird das Pferd vorgetrabt. Verstärkt sich die Lahmheit dabei, ergibt das einen wichtigen Hinweis auf die Lahmheit verursachende Region. Gibt es keine Veränderung, wird das nächste Gelenk gebeugt.

         

        Beugeprobe eines Pferdebeines

Das Pferd wird nach der Betrachtung an der Hand bei geringgradigen Lahmheiten vorlongiert. Wichtig ist, dass das Pferd die Arbeit an der Longe kennt und ruhig auf dem Zirkel trabt. Der Patient wird mehrere Minuten auf beiden Händen longiert. Man kann an der Longe den Schweregrad der Lahmheit gut beurteilen. Außerdem zeigt sich ob sich das Pferd einläuft oder sich die Lahmheit verstärkt.

In einigen wenigen Fällen ist es notwendig, dass ein lahmes Pferd vorgeritten wird. Dies muss von einem erfahrenen Reiter vorgenommen werden, da Reiterfehler eine exakte Beurteilung der Lahmheit nicht zulassen.

Nach dieser ausführlichen klinischen Untersuchung entscheidet der Tierarzt, wie mit dem Patienten weiter verfahren wird. Bei akuten Lahmheiten, werden entsprechend der Indikation entzündungshemmend wirkende Medikamente verabreicht, Einreibungen vorgenommen oder ein Verband angelegt. Viele akute Lahmheiten verbessern sich nach entsprechender Therapie und Ruhepause schnell wieder und die Pferde können wieder geritten werden. Bei einigen Patienten ist das Problem oft hartnäckiger und stellt sich im normalen Untersuchungsgang nicht eindeutig dar. Dann müssen weiterführende Untersuchungen vorgenommen werden. Auch hier bedient sich der orthopädisch tätige Pferdetierarzt eines exakten Untersuchungsschemas.

         

        Injektion eines Entzündungshemmers

Nach dem erneuten Durchführen des klinischen Untersuchungsganges führt er eine Anästhesie der lahmen Gliedmaße durch, das heißt er betäubt Schritt für Schritt von unten nach oben einen entsprechenden Gliedmaßenabschnitt oder ein Gelenk. Die Anästhesie wird mit einem speziellen lokal schnell wirksamen  Betäubungsmittel (z.B. Lidocain) durchgeführt. Nach einer mehrere Minuten dauernden Wartezeit wird das Pferd erneut vorgetrabt. Tritt die Lahmheit nach der Anästhesie eines entsprechenden Abschnittes nicht mehr auf oder verbessert sie sich deutlich, hat der Tierarzt einen Hinweis auf die Lokalisation der Lahmheitursache. 

Der ausführlichen klinischen Untersuchung folgt eine röntgenologische. Durch die Herstellung von Röntgenaufnahmen lassen sich Veränderungen an den Knochen der betreffenden Gliedmaße darstellen. Als erstes werden Übersichtsaufnahmen von der entsprechenden Region angefertigt, auf der sich in den meisten Fällen Hinweise für Veränderungen an den Gelenken darstellen. Da viele Gelenke aus mehreren Abschnitten bestehen sind zur optimalen Darstellung Detailaufnahmen aus verschieden Ebenen notwendig. Erst durch die Anfertigung dieser Spezialaufnahmen lassen sich die betreffenden knöchernen Veränderungen richtig darstellen. Befunde wie Osteochondrose (Chips), Arthrose (Schale oder Spat) oder Strahlbeinveränderungen (Hufrollenerkrankung) lassen sich durch Röntgenaufnahmen sehr gut darstellen.

       

      Herstellen einer Röntgenaufnahme

Um Veränderungen an den Weichteilen des Bewegungsapparates (Sehnen, Bänder und Muskulatur) erkennen zu können, ist eine sonographische Untersuchung (Ultraschall) der Gliedmaße notwendig. Für eine Ultraschalluntersuchung ist es notwendig, die zu untersuchende Region zu Scheren. Mit einem speziellen Untersuchungsgel kann man dann direkten Kontakt zwischen Schallkopf und der Haut herstellen. Dies ist für eine fehlerfreie Ultraschalluntersuchung unbedingt notwendig. Die Ultraschalltechnik erlaubt veränderte Strukturen wie Sehnenfaserrisse oder tief in der Muskulatur sitzende Blutergüsse darzustellen.

         

        Ultraschalluntersuchung einer Sehne

Bei einigen wenigen Lahmheiten kommt man trotz intensiver Untersuchungen nicht zu einer Diagnose. Für diese Fälle sind spezielle Untersuchungsmethoden in orthopädischen Spezialkliniken notwendig.

Über eine Szintigraphie kann man akute Veränderungen am gesamten Knochensystem des Pferdes erkennen. Diese Untersuchungsmethode ist besonders gut für krankhafte Veränderungen an der Wirbelsäule geeignet. Bei der Szintigraphie wird ein radioaktiver Stoff in die Blutbahn gegeben. Dieser verteilt sich in den einzelnen Organen des Körpers und in den Knochen. Die Aktivität des Radiopharmakons wird über eine so genannte Gammakamera gemessen. Der radioaktive Stoff sammelt sich besonders in entzündeten Knochenabschnitten an und gibt somit einen Hinweis auf die erkrankte Region. Vorteil dieser Untersuchungsmethode ist, dass bei Lahmheiten, die durch Anästhesien nicht zu diagnostizieren sind, man einen Hinweis auf die betreffende Region bekommt. Man kann danach über spezielle Röntgen- oder Ultraschalluntersuchungen gezielt weiter untersuchen.

Sehr feine Veränderungen wie z.B. Haarrisse, kleine Zysten oder kleinste Frakturen in komplizierten Gelenken wie das Sprunggelenk lassen sich manchmal nur durch eine Computertomographie nachweisen. Hier werden in sehr engen Abschnitten Schnittbilder von der betroffenen Region hergestellt, die sich auch zu einem dreidimensionalen Bild zusammensetzen lassen.

Neben der Computertomographie wird auch zunehmend die MRT (Magnetresonanztomographie) in der Pferdemedizin eingesetzt. Sie ist besonders bei Krankheitsgeschehen im Bereich von Bändern und Sehnen an schwer zugänglichen Stellen des Hufes sinnvoll. Sie hat in den letzten Jahren deutlich zur Verbesserung der Hufrollenproblematik beigetragen, die sich nicht nur am Strahlbein sondern auch in den umgebenden Strukturen (tiefe Beugesehne, Schleimbeutel, Bänder) abspielt.

       

      MRT - Bild

Sowohl die Computertomographie als auch die Magnetresonanztomographie können zur jetzigen Zeit nur sehr begrenzt eingesetzt werden, weil der große Umfang der Pferdegliedmaße eine Untersuchung höher gelegener Strukturen nicht erlaubt. Nur speziell für die Tiermedizin gebaute Geräte werden in der Zukunft Untersuchungen der Wirbelsäule, der Schulter oder des Knies erlauben.

Nur die Gesamtheit der in einer Lahmheituntersuchung gestellten Befunde erlaubt es, eine sichere Diagnose zu stellen. Ein Röntgenbild allein kann nicht die Diagnose Spat stellen lassen, so wie kein professionell tätiger Pferdetierarzt anhand des Bewegungsbildes eines Pferdes an der Longe sagen kann, dass ein bestimmtes Gelenk Ursache einer Lahmheit ist.

Nach der Lahmheitdiagnose folgt die Behandlung der verursachenden Region. Diese kann durch einen operativen Eingriff, eine lokale oder allgemein entzündungshemmende Behandlung, durch Injektionen von Aufbaupräparaten in ein betroffenes Gelenk erfolgen. Unterstützende Maßnahmen wie Laser-, Magnetfeldtherapie, Physiotherapie durch Massagen, Schwimmen etc. helfen den lahmen Patienten wieder zu heilen. Die Schonung des Pferdes und der Aufbau durch einen Bewegungsplan spielen dabei eine große Rolle. Weiterhin ist die Anfertigung eines orthopädischen Beschlages von außerordentlicher Bedeutung.

     

 

 

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